Meinung

Österreicher auf die Barrikaden! Wikipedia hat euch Mozart geklaut

Noch vor den Russen sind die Österreicher die geduldigste Nation der Welt: Nichts kann sie aus der Ruhe bringen, nicht einmal, dass Mozartkugeln nicht mehr österreichisch sind. Aber nun geht es um Mozart selbst, den größten Sohn Austrias. Wenn das keine Revolution auslöst, dann weiß der Autor auch nicht weiter.
Österreicher auf die Barrikaden! Wikipedia hat euch Mozart geklautQuelle: RT

Von Anton Gentzen

Am 17. Juni ist der Geburtstag des Komponisten Igor Strawinski und eigentlich wollte ich aus diesem Anlass etwas über ihn schreiben, zumal die Ukrainer den Russen inzwischen für sich reklamieren (die Mutter stammte angeblich aus einem "alten Kosakengeschlecht") und es einiges dazu zu sagen gebe.

Wikipedia ist ja nun kein wissenschaftliches Nachschlagewerk, das sollte inzwischen jedermann bekannt sein, doch für die Rekapitulation bestimmter biografischer Eckdaten immer noch nutzbar. Und weil ich einige Jahreszahlen nachschlagen wollte (und dazu sehen, ob Wikipedia das Genie inzwischen vielleicht tatsächlich den Ukrainern zugeschlagen hat), ging ich auf den deutschsprachigen Artikel zu Strawinsky.

Nun, drei Mal darf der Leser raten, wer Strawinsky denn nun laut Wikipedia ist. Russe? Ukrainer? 

Weder noch. Im ukrainisch-russischen Kulturkampf entschieden sich die Wikipedia-Autoren für eine "Solomonische Lösung". Strawinsky ist ... Trommelwirbel: "ein französisch-US-amerikanischer Komponist und Dirigent russischer Herkunft".

Tatsächlich wanderte der 1882 in einem Vorort von Sankt Petersburg geborene Strawinsky 1920 nach Paris aus und von dort 1940 in die USA. Seine Heimat besuchte er danach zwar, blieb aber in New York leben und nahm auch die amerikanische Staatsangehörigkeit an. Ob ihn das zu einem US-amerikanischen Komponisten macht, darüber mag man streiten, zumal er drei seiner acht Opern, vier seiner elf Balette (darunter die berühmtesten) und auch sonst einen beträchtlichen Anteil seiner musikalischen Werke noch in seinem Geburtsland, Russland, komponiert hatte. 

Nun sind ja unter Künstlern, auch Komponisten, Migrationsschicksale im Verlaufe ihres Lebens und Wirkens keine Seltenheit und so machte ich einige Stichproben, wie Wikipedia derartige "Zuordnungskonkurrenzen" in anderen Fällen löst. 

Als erstes kommt einem da natürlich Frédéric François Chopin in den Sinn: Mutter Polin, Vater Franzose, 1810 im kurzzeitig von Napoleons Gnaden wiederbelebten Herzogtum Warschau geboren, das ab 1815 dann im zunächst autonomen Status zum Russischen Reich gehörte. 1830 wanderte er aus politischen Gründen – ja genau, aus Ablehnung der russischen Herrschaft – in das Land seines Vaters aus, lebte bis zu seinem Tod 1849 in Paris und hatte die französische Staatsbürgerschaft. Sein Vor-, sein Mittel- und sein Nachname sind französisch. Die Mehrzahl seiner Werke schuf er eben dort: In Frankreich.

Nach der Logik, die Wikipedia im Fall Strawinskys anwendet, müsste Chopin also ein "französischer Komponist halbpolnischer Abstammung" sein ... Doch das – den Polen ihren größten Stolz zu entwenden – macht Wikipedia nicht: "Fryderyk Franciszek Chopin war ein polnischer Komponist, Pianist und Klavierpädagoge", lautet das Verdikt.

Nächste Stichprobe: Ludwig van Beethoven. Sie halten ihn für einen deutschen Komponisten, werter Leser? Aber was unterscheidet seine Biographie denn von jener Strawinskys? 1770 in Bonn geboren, wanderte er 1792 (im Alter von 22 Jahren, wir erinnern uns, Strawinsky war 38, als er seiner Heimat den Rücken kehrte) nach Österreich aus. Von Konzertreisen abgesehen blieb er dort bis zu seinem Tod, und zwar auch nachdem das ohnehin nur als Geist existierende "Heilige Römische Reich Deutscher Nation" sich formell aufgelöst hatte und aus dem Erzherzogtum Österreich ein eigenes Kaiserreich geworden war.

Alle neun Symphonien Beethovens, alle fünf Klavierkonzerte, alle 32 Klaviersonaten, die Oper Fidelio – alles Werke der Wiener Zeit. Die Bonner Luft kann sich dagegen nur rühmen, "Sechs Variationen über ein Schweizer Lied", das Violin- und das Flötenkonzert, ein Phantom-Klavierkonzert "Nummer Null" und einige Sonatinas, Variationen und Rondos inspiriert zu haben.

Wäre Wikipedia konsequent, müsste sie Beethoven uns als "österreichischen Komponisten deutscher Herkunft" vorstellen. Aber keine Angst, werter Leser aus Germania, natürlich begeht niemand dieses Sakrileg und wir lesen das, was wir von Kindes Beinen an gewohnt sind: "Ludwig van Beethoven war ein deutscher Komponist und Pianist."

Belgien (die österreichischen Niederlande) und Holland (die niederländischen Niederlande) weinen still in der Ecke.

Nun, in gewisser Weise ist das ja ein Affront gegen Österreich, dachte ich mir und machte die Gegenprobe. Was ist eigentlich mit dem berühmtesten Österreicher aller Zeiten, den zumindest dank der Schokoladenmarzipankugel seines Namens wohl jedes Kind kennt? Mit dem Mann, der, in Österreich geboren, es tatsächlich nur für Konzertreisen verlassen hat? Den selbst ein finanziell lukratives Angebot der deutschstämmigen russischen Zarin nicht aus seiner Heimat weglocken konnte (schade eigentlich, vielleicht wäre er in Sankt Petersburg doppelt so alt geworden)? Wolfgang Amadeus Mozart ist doch ganz klar ein österreichischer Komponist österreichischer Herkunft, oder?

Oder!

Das lesen wir bei Wikipedia:

"Wolfgang Amadeus Mozart (* 27. Jänner 1756 in Salzburg, Erzstift Salzburg; † 5. Dezember 1791 in Wien, Erzherzogtum Österreich), der selbst zumeist den Namen Wolfgang Amadé Mozart führte, war ein Komponist der Wiener Klassik."

Nationenlos. Bürger der Wiener Klassik.

Halten wir fest: Strawinsky teilen sich Frankreich und die USA; Chopin gehört Polen; Beethoven Deutschland. Die Mozartkugeln –  dem Mondelez-Konzern, Fabrik in Österreich geschlossen. Und Mozart gehört der ganzen Welt. 

Wäre ich Österreicher, würde ich jetzt auf die Barrikaden gehen.

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